Stadtarchiv Frankfurt (Oder)

100 JAHRE STROM UND STRASSENBAHN...


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Für die neue Gesellschaft wurde ein Aufsichtsrat mit acht Mitgliedern gebildet, von denen jeder Partner vier Mitglieder bestimmte. Den Vorsitz des Aufsichtsrates führte der Oberbürgermeister. Sein Stellvertreter wurde von der Lokalbahn gestellt. Erster Vorsitzender war somit der Jurist und Verwaltungsfachmann Dr. Paul Trautmann. Er wurde 1916 als Nachfolger von Georg Richter zum Oberbürgermeister gewählt. 1925 schied Dr. Trautmann aus den städtischen Diensten aus, um das Oberbürgermeisteramt der Stadt Braunschweig zu übernehmen. Als Geschäftsführer der neuen GmbH wurden die beiden bisherigen Betriebsdirektoren Waldemar Werner und Erich Straub ernannt. Straub, der 1908 als Bürovorsteher von der Berliner Hauptverwaltung der Allgemeinen Lokalbahn nach Frankfurt gekommen war, übernahm dann 1927, nach der Pensionierung von Werner, die alleinige Geschäftsführung, die er bis 1942 ausübte.
Die neue Gesellschaft begann am 1. April 1922 mit ihrer Tätigkeit. Zu diesem Zeitpunkt hoffte deren Geschäftsführung, daß bald die Probleme bei der Strombelieferung aufhören würden. Immer wieder kam es auch nach 1919, als die MEW die gesamte Stromlieferung für Frankfurt übernahm, zu Störungen in der Versorgung. 1920 bot die AEG aus Furcht vor Sozialisierungsbestrebungen der brandenburgischen Provinzialverwaltung, die schon im Besitz von 7/12 des Aktienkapitals der MEW war, die restlichen Aktien an. Die MEW, jetzt ganz in öffentlicher Hand, plante die Schaffung eines zentralen Großkraftwerkes. Dazu erwarb die MEW die Braunkohlengrube Finkenheerd, welche seit 1907 von der Frankfurt-Finkenheerder Braunkohlen AG ausgebeutet wurde. Hier lagerten durchschnittlich 10 m dicke Braunkohlenflöze, überdeckt von 15 bis 90 m Deckengebirge. Die Kohle sollte nach damaliger Förderung für 170 Jahre Abbau im Tage- und Tiefbau reichen und das künftige Kraftwerk speisen. Im September 1921 begann am Brieskower See nach den Plänen von Warrelmann der Bau des Kraftwerkes.
Derweil drehte sich die Inflationsspirale immer schneller. Als im November 1922 die Fahrpreiserhöhung von 12 auf 20 Mark kaum Mehreinnahmen brachte und „zudem die Leute nur von der Straßenbahnfahrt abhielt“, mußte sich der Aufsichtsrat der F.E.W. zu einer Verringerung des Betriebes entschließen. Die Schaffner wurden wieder abgeschafft und die Linienführung der Bahn verändert. Auf allen vier Linien wurde die Zugfolge von 12 auf 15 Minuten ausgedehnt. Von 16 auf 15 Stunden verkürzte sich die Tagesbetriebsdauer. Jetzt fuhren statt 14 nur noch neun Betriebswagen. Doch noch sollte längst nicht das Ende der Inflation erreicht sein. Am 28. Dezember 1922 stellte die nur noch eine Schicht von 11 bis 19 Uhr fahrende gelbe Linie (Wilhelmsplatz - Neuer Kirchhof) ganz ihren Betrieb ein. Im Februar folgte die Einstellung der vom Chausseehaus fahrenden grünen Linie. Nachdem im August 1923 die Straßenbahnfahrt 25.000 Papiermark kostete, verzichtete die Regierung auf die Genehmigungspflicht der Fahrpreiserhöhungen. Am Tiefpunkt der Inflation im November 1923 betrug der Fahrpreis 100 Milliarden Mark. Nur noch sechs Triebwagen waren in Benutzung. Alle anderen Wagen wurden zur Reparatur ausgeschlachtet. Doch der Betrieb lief. Anders als in vielen anderen Städten war in Frankfurt während der Inflation die Straßenbahn nicht vollständig eingestellt worden.
Während der Inflation lieferte das Elektrizitätswerk sechs bis acht Wochen den Abnehmern Strom im voraus, was fast zum Ruin des Werkes führte. Die Abschlagszahlungen in der Höhe der Vormonatsrechnung waren schon bei Zahlungseingang so entwertet, daß die Beträge wiederum nur ein Bruchteil der neuen Rechnung ausmachten. Um eine Werkschließung zu verhindern, mußte die F.E.W. im August einen wertbeständigen Kredit aufnehmen. Am 20. September 1923 kostete die Kilowattstunde 8,3 Millionen Papiermark. Die Abnehmer sparten und konnten dennoch vielfach die Stromrechnung nicht mehr bezahlen.
Auch der MEW zerrann das eingehende Geld trotz aller Gegenmaßnahmen, wie Vorauszahlungen und schnellste Weiterleitung in den Händen. Wie für die F.E.W. waren auch die Rückwirkungen der Inflation für die MEW katastrophal. Zeitweilig war die weitere Durchführung der großen Bauvorhaben gefährdet. Um den Bau des Kraftwerkes weiterführen zu können, wurde sogar daran gedacht, die schon angeschafften Maschinen wieder zu verkaufen. Es gelang jedoch, den Bau fortzuführen. Im Juli 1923 ging das Kraftwerk, das in seiner ersten Ausbaustufe 12,5 MW leistete, in Betrieb und schickte den gewonnen und auf 50.000 Volt hochgespannten Strom über das neue Höchstspannung-Verteilungsnetz zu den Abnehmern. Fortan sollte der Rauch aus den 110 m hohen Schornsteinen vom Betrieb des Kraftwerkes in Finkenheerd und seiner größer werdenden Leistung künden. 1928 leistete es 120 MW, 1931 170 und seit 1942, nach dem Einbau von zwei weiteren Turbosätzen, 270 MW.

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