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Stillegung oder Ausbau
der Straßenbahn?
Seit dem 1. April 1950 leitete
Oberingenieur Alexander Rogivue die Verkehrsbetriebe. Einst
Technischer Prokurist bei der F.E.W. unter Karl-Heinz Boehmer
stand er auch nach Auflösung der KWU und Bildung der VEB
Verkehrsbetriebe der Stadt Frankfurt an deren Spitze. Seine
vordringlichste Aufgabe war es, den Fahrplan abzusichern. Die
Straßenbahn fuhr seit dem 1. Juni 1949 auf allen drei Linien
wieder im 10-Minuten-Abstand.
Einsatzwagen wurden fahrplanmäßig eingesetzt, um in
Hauptverkehrszeiten für einen ungehinderten Transport der
Berufstätigen zu sorgen. Ein besonderes Problem war es, die
dazu notwendige Anzahl von Trieb- und Beiwagen betriebsbereit
zu haben. Unter großen Anstrengungen wurden die Wagen immer
wieder repariert. Längst sollte der Fuhrpark vergrößert
werden. Seit 1948 bemühte sich die Verwaltung der Straßenbahn
um neue Bahnen. Auch nach Wiedererlangung der Kreisfreiheit
für die Stadt Frankfurt und ihrer Bestimmung zur
Bezirkshauptstadt 1952 mußten die Verkehrsbetriebe der Stadt
Frankfurt noch lange auf die dringend benötigten neuen Bahnen
warten. Sie waren zwar in den Plan aufgenommen, aber dennoch
konnten sie nicht beschafft werden, da, wie der Betriebsleiter
der Verkehrsbetriebe 1954 klagte, „seitens der damaligen
Landesregierung bzw. dem ... Rat des Bezirkes keine
Investitionsmittel zur Verfügung gestellt wurden.“ Die für
1954 vorgesehene Lieferung eines Trieb- und Beiwagens erfolgte
nur zur Hälfte. Der Beiwagen (Bw. Nr. 120 II) wurde geliefert,
jedoch der Triebwagen blieb wegen „dringender Exportaufträge“
des Herstellers aus. Erst im darauffolgenden Jahr traf ein
seit langem erwarteter Triebwagen (Tw Nr. 38 II, dann 25 IV)
in Frankfurt ein.
Nach fast 20 Jahren fuhr endlich wieder ein fabrikneuer
Straßenbahnzug auf Frankfurts Schienen. Der Zug, ein
Zweirichtungswagen vom Typ ET 54 (Tw.) und EB 54 (Bw.) wurde
vom VEB Waggonbau Gotha und vom VEB Lokomotivbau Elektronische
Werke Hennningsdorf hergestellt. Der Triebwagen war noch mit
dem alten Stromabnehmersystem, der an die Oberleitung
reichenden, langen Stange ausgerüstet. Der neue Zug wurde auf
der Linie 2 eingesetzt. Auf dieser Linie führten die
Verkehrsbetriebe ab dem 10. Dezember 1956, an den Werktagen
von 15 bis 18.30 Uhr versuchsweise den 8-Minuten-Verkehr ein.
Im Verlauf des Jahres 1956 trafen zwei weitere Triebwagen (Nr.
36 II, 37 II) und mehrere Beiwagen in Frankfurt (Oder) ein.
Diese neuen, geräumigen Straßenbahnzüge, die 130 statt bisher
100 Fahrgäste befördern konnten, wurden am Neujahrsmorgen 1957
in den Dienst gestellt. Damit verkehrten auf der Linie 2,
zwischen Westkreuz und dem Schlachthof in der Lebuser Vorstadt
drei komplette Züge und vier Anhänger, wie der Leiter der
Verkehrsbetriebe Rogivue in einem Pressegespräch vorab
mitteilte. Ferner war vorgesehen, „die gegenwärtig noch in
Betrieb befindlichen Kontaktstangen abzuschaffen und sämtliche
19 Züge mit Scherenstromabnehmern auszurüsten“. Diese
Umrüstung war 1958 abgeschlossen. Damit war eine
Gefahrenquelle für das Fahrerpersonal beseitigt und „ein
großer Teil der Rundfunkstörungen behoben“.
Die erste große Veränderung am Streckennetz erfolgte mit der
Streckenführung durch die neue Karl-Marx-Straße. Diese Straße
veränderte die Struktur der eigentlichen Altstadt von
Frankfurt (Oder). Nach dem Abriß der Ruinen entstand ein weit
überschaubare Fläche, auf der neben den nur vereinzelt
stehengeblieben Häusern das Unkraut wucherte. Nach der
Entscheidung, hier wieder ein neues Zentrum zu errichten, sah
die Planung eine neue durchgehende Verkehrsstraße vom Platz
der Republik vor, die in die Richtstraße nördlich der Breiten
Straße (Rosa-Luxemburg-Str.) einmünden sollte. Gegenüber der
Planung 1952, welche die Große Scharrnstraße als eine ebenso
gewichtige Straße vorsah und sie als die Hauptgeschäftsstraße
auswies, war in der Endplanung des Staatlichen Entwurfsbüro
für Stadt- und Dorfplanung des Ministeriums für Aufbau
Halle/Saale von 1956 die Karl-Marx-Straße als alleinige
durchgehende Hauptstraße enthalten. Die Scharrnstraße wurde in
ihrer Bedeutung der Karl-Marx-Straße untergeordnet und ihre
durchgehende Führung im Plan unterbrochen. Fachleute des
Entwurfsbüros für Straßenwesen Berlin kritisierten an dem
Konzept, daß es die Große Scharrnstraße als künftige
Magistrale verwarf und dafür die Karl-Marx-Straße wählte,
„obwohl damit einer der wichtigsten Grundsätze des Städtebaues
verletzt wurde, daß nämlich eine Magistrale niemals
gleichzeitig Verkehrs- oder sogar Hauptverkehrsstraße sein
darf.“ Auch an der Ausführung der Karl-Marx-Straße änderte
sich einiges gegenüber dem vom Berliner Entwurfsbüro 1954
vorgelegten Vorprojekt. Waren darin noch zweispurige
Richtungsfahrbahnen von je 6 m Breite vorgesehen, die durch
einen erhöhten Straßenbahnkörper von 8,80 m Breite getrennt
werden sollten, so sollte die Ausführung anders erfolgen. In
der Kritik des Entwurfsbüros für Straßenwesen heißt es dazu:“
Unter Hinweis auf die notwendige Ausbildung der Straße (Magistrale,
Aufmärsche usw.) und den künftigen Ersatz der Straßenbahn
durch Obuslinien wurde der Vorschlag zur Errichtung der
zweispurigen Richtungsfahrbahnen gegen den Einspruch der
Vertreter des Straßenwesens verworfen und bestimmt, daß die
Karl-Marx-Straße eine durchgehende Fahrbahnbreite von rund 20
m ohne eigenen Straßenbahnkörper zu erhalten habe. Selbst die
im Feinprojekt vorgeschlagene Erhöhung der Haltestelleninseln
um 2 cm über dem Fahrbahnniveau, die den Fahrgästen wenigstens
einen gewissen Schutz geben sollte, wurde in Hinblick auf die
Bestimmung der Straße als Aufmarschstraße abgelehnt“. Zu
dieser Zeit existierte noch die Absicht, langfristig die
Straßenbahn durch den O- Bus- Verkehr abzulösen, die aber bald
aufgegeben wurde. |