Stadtarchiv Frankfurt (Oder)

Frankfurt (Oder) - so wie es war


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Mit der Regierung kam auch deren Drucker aus Küstrin nach Frankfurt. Carl Gottlob Trowitzsch erwarb vom letzten hiesigen Universitätsdrucker Christian Ludwig Apitz, der wegen der schlechten Auftragslage aufgab, das Haus Forststraße 3. 1826 erwarb Trowitzsch auch die oben genannte hebräische Druckerei. Zusammen mit seinem Sohn Carl Ferdinand Sigismund begann er mit dem Druck. Sein Sohn kaufte das Haus Große Oderstraße 21 (gegenüber dem westlichen Ausgang der Forststraße) für die Druckerei und den Verlag. Später kam noch eine Kunstdruckanstalt und anderes hinzu. Trowitzsch druckte das "Amtsblatt der Kgl.-Preuß. Regierung zu Frankfurt an der Oder". Von Apitz übernahm er einen wichtigen Druckauftrag: das von Professor Spieker seit 1811 herausgegebene "Frankfurter Patriotische Wochenblatt". Ab 1880 bis 1945 erschien das Blatt als Tageszeitung unter dem Titel "Frankfurter Oder-Zeitung" (Landausgabe unter dem Titel "Oder-Zeitung"). Mit dieser Zeitung, der größten der Provinz, begründete Trowitzsch den Ruhm von Frankfurt als Zeitungsstadt.
Mit der Übersiedlung des Oberlandesgerichtes wurde Frankfurt auch Mittelpunkt eines großen, über 700.000 Einwohner (1837) umfassenden Gerichtsbezirkes. Das Gericht war für diesen Bezirk der oberste Kriminalgerichtshof und zweite Instanz in Zivil- und Kriminalsachen, die durch die 47 Königlichen Untergerichte (1837) und anderen unterstellten Gerichte entschieden wurden. 1836 trat Dr. Friedrich Scheller sein Amt als Chefpräsident des Gerichtes an. Der in Göttingen promovierte Jurist und Mitglied des Kgl. Staatsrates übte dieses Amt über 33 Jahre aus. Nach dem Tod des mit ihm befreundeten Dr. Wißmann kaufte er dessen Haus in der Gubener Straße, in dem weiterhin ein reges schöngeistiges Leben herrschte. Dr. Scheller war Abgeordneter des aus der Märzrevolution hervorgegangenen ersten freigewählten gesamtdeutschen Parlamentes, der Nationalversammlung in Frankfurt am Main 1848/49. Kurz nach seiner Pensionierung starb Dr. Scheller am 21. Dezember 1869. Er wurde ebenfalls mit dem Ehrenbürgerrecht der Stadt Frankfurt (Oder) ausgezeichnet.
Seine Nachfolge beim Appellationsgericht (wie das Gericht seit 1849 genannt wurde) trat der bisherige Vizepräsident Dr. Martin Eduard (von) Simson an, der dem Gericht bis zu dessen Auflösung in Frankfurt vorstand. Mit der Bildung des Deutschen Reiches wurde eine neue Gerichtsverfassung geschaffen und das Frankfurter Gericht mit dem Berliner Kammergericht vereinigt. In einer feierlichen Sitzung am 23. September 1879 schloß Dr. Simson das Gericht. In das Gebäude zog das neue Amtsgericht ein. Mit Eduard von Simson stand lange Zeit ein bedeutender liberaler Politiker und Richter an der Spitze des Frankfurter Gerichtshofes. Der einstige Professor der Königsberger Universität war ebenfalls Mitglied der Nationalversammlung in Frankfurt am Main und trug 1849 als deren Präsident dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV., wenn auch vergebens, und später 1870 als Präsident des Norddeutschen Reichstages König Wilhelm I. die deutsche Kaiserkrone an. Er war der erste Präsident des neuen Reichstages (1871/74) und erster Präsident des in Leipzig neu geschaffenen Reichsgerichtes. Der spätere Ehrenbürger von mehreren Städten- sowohl von Frankfurt an der Oder als auch von Frankfurt am Main - wohnte von 1871 bis 1879 in der Halben Stadt, in einem Haus mit einem schönen Garten (Halbe Stadt 20). Er gründete mit Gleichgesinnten einen griechischen Lesezirkel und beteiligte sich an den öffentlichen Vorträgen - er sprach z.B. über die Entstehung von Goethes "Werther". Simson hatte Goethe noch persönlich kennengelernt und war später Gründungspräsident der Goethe- Gesellschaft. Im Vorfeld des 100. Geburtstages Heinrichs von Kleist regte er an, dem Dichter in Frankfurt ein Denkmal zu setzen, was jedoch erst 1910 verwirklicht wurde. Simson zur Erinnerung brachte die Stadt auf Initiative des Historischen Vereins 1905 an seinem Wohnhaus in der Halben Stadt eine Tafel an. Da Eduard von Simson jüdischer Herkunft war, wurde die Tafel während der NS- Herrschaft kurzerhand abgenommen. 1947 erneut am Haus angebracht, verschwand sie 1950 wieder. Die vom Frankfurter Karl Zeitner gerettete Gedenktafel befand sich lange im Frankfurter Museum (M. Schieck, 1993) und wurde inzwischen wieder am Haus angebracht. Zu von Simsons Frankfurter Zeit war ein junger Referendar am Gericht, der wohl weniger Interesse für die juristischen, dafür aber um so mehr für die literarischen Dinge hatte. Ernst von Wildenbruch, der Dichter und Dramatiker, wohnte von 1871 bis zu seiner Ernennung zum Gerichtsassessor 1877 in Frankfurt (Große Oderstraße 57; an der Stelle des damaligen Hauses steht heute der Häuserblock zwischen Brücke und Musikschule An der Oderpromenade ). Er setzte seinem Frankfurter Freund, dem Uhrmacher Adolf Balzer in seinem "Meister Balzer" ein literarisches Denkmal.
Bevor jedoch die Regierung und das Ober-Landesgerichts kamen und die Universität hier ihre Tore schloß, wurde die Verwaltung der Stadt neu geordnet. Mit der am 19. November 1808 erlassenen "Ordnung für sämmtliche Städte der Preußischen Monarchie" verschwand das steuerrätliche System, daß "in eine formelle, alles lähmende Kontrolle und unfruchtbare, schädliche Schreiberei ausartete". Die Städteordnung des Freiherrn vom Stein brachte dem Bürgertum endlich die Möglichkeit, die eigenen Angelegenheiten selbst zu verwalten. Der Magistrat erhielt das Recht der Selbstverwaltung in zeitbedingter Form zurück. Es war eine Stadtverordnetenversammlung zu wählen, die wiederum den Magistrat wählte. Zuerst war die Stadt einer der drei Klassen zuzuordnen. Mit der ermittelten Einwohnerzahl von 12621 Bewohnern zählte Frankfurt zu den großen Städten. Sodann war die Zahl der stimmfähigen Bürger festzustellen. Stimmfähig waren alle männlichen Bewohner, die das Bürgerrecht besaßen und ein Mindesteinkommen von 150 Talern bezogen.

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