Stadtarchiv Frankfurt (Oder)

Frankfurt (Oder) - so wie es war


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Vom Kaiserreich zur Republik

Mit dem Jahre 1918 sollte die 1871 begonnene Etappe in der Stadtgeschichte zu Ende gehen. Der lang andauernde Krieg, und die immer stärker werdende Not erforderten Veränderungen. Das Kaiserreich brach zusammen, Kaiser Wilhelm II. dankte ab. In Berlin wurde am 9. November die Republik ausgerufen und die Macht von dem Rat der Volksbeauftragten übernommen. Überall bildeten sich Arbeiter- und Soldatenräte. So auch in Frankfurt schon einen Tag nach der Ausrufung der Republik auf einer Kundgebung von tausenden Soldaten des Ersatzheeres vor dem Rathaus beim Eisernen Wehrmann, bei der das USPD-Mitglied Bruno Peters sprach. Peters, der wenig später auf dem Gründungsparteitag der KPD in die Revisionskommission gewählt wurde, war einer der Hauptorganisatoren der Kundgebung. Er wurde zum Vorsitzenden des Frankfurter Rates bestimmt. Zweiter Vorsitzender wurde der Sozialdemokrat Faber. Dr. Chajes, ein Militärarzt, der Schwiegersohn Eduard Bernsteins, war ebenfalls im Arbeiter- und Soldatenrat vertreten (J. Winkler, 1975). Binnen kurzer Zeit unterstellte er sich die Regierung - in deren Gebäude wurde dann das Sekretariat des Arbeiter- und Soldatenrates eingerichtet - die Oberpostdirektion und die Eisenbahndirektion. Die Frankfurter Oder-Zeitung mußte die Mitteilungen des Rates auf der ersten Seite der Zeitung drucken. Der Oberbürgermeister Dr. Trautmann stand weiter an der Spitze des Magistrates. Die Stadtverordnetenversammlung tagte wie bisher. Und doch brachte ihre Sitzung vom 26. November ein Novum. Hugo Methner, einer der fünf sozialdemokratischen Abgeordneten, die 1908 in die Stadtverordnetenversammlung kamen, wurde an Stelle des verstorbenen Stadtrates Best zum unbesoldeten Stadtrat gewählt. Der gelernte Tischler, der 1898 nach Frankfurt kam und hier auch als Gewerkschaftssekretär wirkte, war der erste sozialdemokratische Stadtrat in der Geschichte der Stadt. Am 3. März 1920 wurde er auch zum besoldeten Stadtrat angenommen. Sein Amt konnte er jedoch nur eine kurze Zeit ausüben, er verstarb am 24. September 1921.
Die Hauptfrage der Novembertage 1918 war: Rätemacht oder Einberufung einer Nationalversammlung. Nachdem sich der ab Mitte Dezember tagende Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte, entgegen den Vorstellungen der USPD und des Spartakusbundes, für die Wahl einer Nationalversammlung entschieden hatte, kam es auch in Frankfurt zu neuen Auseinandersetzungen, in deren Folge Bruno Peters sein Amt niederlegte. Am 19. Januar 1919 fand die Wahl zur Nationalversammlung statt. Das Dreiklassenwahlrecht war hinweggefegt, erstmalig wurde nach dem durch die Novemberrevolution errungenen allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrecht gewählt. An der Wahl beteiligten sich mit der Deutschnationalen Volkspartei, der Deutschen Volkspartei, der Zentrumspartei und der Deutsch-demokratischen Partei vier bürgerliche Parteien sowie die USPD und SPD. Die SPD erhielt mit 20579 Stimmen 52,8 % der abgegeben gültigen Stimmen. Ähnlich sah es bei der Wahl zur preußischen Landesversammlung aus. Am 2. März fand die Wahl zur Stadtverordnetenversammlung statt. 47329 Frankfurter waren wahlberechtigt, 27021 gültige Stimmen konnten ausgezählt werden. Vier Parteien bewarben sich um die Sitze in der Stadtverordnetenversammlung. Die USPD errang 3 Sitze, die SPD 23, die Bürgerliche Liste 10 und die Bodenreformer 18 Mandate. Zum Vorsteher der Versammlung wurde der Fabrikant Reinmann und zum ersten Stellvertreter Emil Faber gewählt. Unter den 54 Stadtverordneten waren drei Frauen. Inzwischen (Februar 1920) wurde in Frankfurt auch eine Ortsgruppe der KPD gegründet. 1920 hatte sie etwa 16 Mitglieder, sie überschritt bis 1926 nicht die Zahl von 40 (J. Winkler, 1975). Am 6. Juni 1920 beteiligte sich die Kommunistische Partei erstmalig an Wahlen und errang 0,4 % der Stimmen. Bei den nächsten Stadtverordnetenwahlen im Mai 1924 beteiligten sich 10 Parteien und Vereinigungen. Bei der hohen Wahlbeteiligung von 89,7 % kam die SPD mit 18,9 % auf 9 Mandate und die KPD zog mit dem Wähleranteil von 5 % erstmals mit 2 Abgeordneten in die Stadtverordnetenversammlung ein. Eine der wenigen gemeinsamen Aktionen der Arbeiterparteien war die Abwehr des antirepublikanischen Putsches von Kapp und Lüttwitz im März 1920. Der Frankfurter Volks-Freund, die im Jahr zuvor begründete sozialdemokratische Zeitung, rief zum Generalstreik auf. Über die Stadt wurde der Belagerungszustand verhängt. Es kam zum Blutvergießen. Am 20. März wurde der Frankfurter Militärdiktator Generalmajor von Grüter seines Amtes enthoben. Wie der Volks-Freund noch am gleichen Tag meldete, trat an seine Stelle Generalmajor von Horn, der die Teilnahme am Putsch abgelehnt hatte.
Nach dem Ersten Weltkrieg mußte Deutschland durch die Bestimmungen des Versailler Vertrages auf einen Teil seines Territoriums verzichten. Der größte Teil der preußischen Provinzen Posen und Westpreußen wurde abgegeben, Deutschland verzichtete gegenüber Polen auf alle Rechte und Ansprüche auf diese Gebiete. Daraufhin zog ein großer Flüchtlingsstrom nach Westen. Besonders der Weg ehemaliger Bewohner der Provinz Posen führte über Frankfurt. Mancher von ihnen, wie Dr. Hermann Neumark, ein hier später sehr beliebter Kinderarzt, der oft in den Arbeitervierteln war, um die Not zu lindern, fand mit seiner Familie in Frankfurt eine neue Existenzgrundlage. Die Bürger der Stadt nahmen die Ankommenden in ihren Wohnungen auf.

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