Stadtarchiv Frankfurt (Oder)

FAQ


Dr. med. Ernst Ludwig Richard Ruge (1945-1946)

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Am 27. April 1945, vier Tage nach der Einnahme der Stadt, setzte die Rote Armee - zuerst ehrenamtlich - Dr. med. Ernst Ruge als Oberbürgermeister ein. Der am 12. April 1878 in Görlitz geborene Sohn des nachmaligen Direktors der Frankfurter Reichsbankstelle Albrecht Ruge, war, wie er später schrieb, „wegen unvorsichtiger Bemerkungen über den Reichsleiter Himmler“, kurz zuvor noch in den Händen der Gestapo gewesen. R., der französisch, englisch, italienisch und auch etwas russisch sprach, war ein stadtbekannter Arzt, der von 1910 bis 1937 als Chefarzt der chirurgisch-gynäkologischen Abteilung des städtischen Krankenhaus arbeitete. R. dessen Frau Jüdin war, musste 1933 seine Ehrenämter wie den stellvertretenden Vorsitz der brandenburgischen Ärztekammer und den stellvertretenden Vorsitz des medizinischen Ehrengerichts der Provinz niederlegen. Im Zuge der sog. Reinigung des Berufsbeamtentums wurde R. am 31. Dezember 1937 als Chefarzt entlassen und praktizierte fortan nur noch privat. Dazu richtete er sich in seinem Wohnhaus Halbe Stadt 8 eine im Mai 1938 eröffnete Praxis ein. Nach seiner Einsetzung als Oberbürgermeister 1945 bildete R. einen neuen Magistrat, der versuchte, den unlösbar erscheinenden Problemen in der z. T. brennenden Stadt Herr zu werden. Bereits im Mai 1945 wurde durch eine provisorische Brücke die Verbindung zwischen Stadt und der Dammvorstadt wiederhergestellt. Die inzwischen zurückgekehrten Vorstadtbewohner mussten jedoch bald ihre Häuser räumen, die Vorstadt wurde von der Stadt abgetrennt. Gleichsam als Ersatz erhielt die Stadt im September 1945 (bis 1947) 11 Gemeinden aus dem westlichen Umland vom Kreis Lebus zugewiesen. Sitz der provisorischen Stadtverwaltung wurde das unmittelbar neben seinem Haus gelegene Gebäude Halbe Stadt 7. Gemeinsam mit den drei Bezirksbürgermeistern und den Straßenverantwortlichen galt es, die Enttrümmerung der Stadt und die Versorgung der sich ständig vergrößernden Bevölkerung zu organisieren. Hinzu kam die der Stadt als Grenzstadt zugedachte Bedeutung für die Flüchtlinge und Heimkehrer aus der Gefangenschaft. Nach der Einsetzung seines Stellvertreters am 24. Juli 1945 wurden diesem einige Aufgabenbereiche direkt zugeordnet. Bei der Ausführung seines Amtes geriet R., der nach Zulassung der politischen Parteien der SPD (1946 SED) beitrat, zunehmend mit der Provinzialverwaltung in Widerspruch und legte darauf sein Amt nieder. Die Provinzialverwaltung rief ihn am 7. August mit Wirkung zum Ende September 1946 von seinem Amt ab. Tatsächlich scheint er jedoch schon am 2. August 1946 sein Amt nicht mehr ausgeübt zu haben. Nach einigen Jahre als praktischer Arzt verließ R. 1952 die Stadt. Dr. Ruge zog nach Baden, wo er am 3. September 1953 verstarb.